DELETE HISTORY

 

 

Elende Wochen vergingen, bis eine weitere westliche Architektin, Hekate, hinzukam. Sie war in meinem Alter, hatte lange braune Haare und kleidete sich etwas altmodisch, ihre gesamte Kleidung sah aus, als hätte sie sie von ihrer Großmutter geerbt. Im Vergleich zu allen anderen im Büro kleidete sie sich ungewohnt förmlich und benahm sich deutlich erwachsener als die Rote und ich. Statt sich mit uns zu anzufreunden und mit uns zusammenzuarbeiten benahm sie sich aggressiv und stutenbissig. Sie wies uns immer wieder auf ihre Erfahrung und die Preise, die sie in der Vergangenheit gewonnen hatte hin, um zu prahlen. Ich wunderte mich. Wenn ich mich selbst fragte, wer ich vor ein paar Monaten bei meiner Ankunft gewesen war und wer ich heute war, hatte ich keine klare Antwort. Alles änderte sich ständig und das war etwas verwirrend und ich hatte mich auf China vorbereit, soweit das überhaupt möglich war. „Du bist neu hier“, sagte ich. „Es ist irrelevant, wer du gestern warst und was du vorher gemacht hast. Hier kennt dich keiner. Du könntest eine Serienmörderin sein, oder eine erfolgreiche Börsenmaklerin. Niemand kann das beweisen und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass es auch keinen kümmert.“ Wie in dem 3-D-Programm, mit dem ich arbeitete. Zwischendurch musste man, damit das Programm nicht lahm wurde, den Befehl „Delete History“ klicken und den Verlauf löschen. Das Programm behielt dann alles so, wie es war, vergaß aber den Weg, den man gegangen war. „Du kannst deine eigene Geschichte löschen, dein Gepäck, deine Lasten zurücklassen und jemand komplett Neues sein.“ Ich meinte das nicht in einem orwellschen Sinn, doch um den Sprung nach China zu schaffen, war es notwendig, einige seiner alten Glaubenssätze hinter sich zu lassen.

Hekate saß in der Vergangenheit fest. Es war so, als ob sie den Zeitsprung durch den Flug hierher nicht geschafft hatte. Alle Leute zu Hause lebten in der Vergangenheit, mindestens einen halben Tag. Andere, z.B. auf den amerikanischen Kontinenten lebten sogar gestern. Wir waren im Fernen Osten und lebten in der Zukunft, welche unsere Gegenwart war.

Sie zog in den Zwilling meines Turms und so zeigte ich ihr unser Viertel und half ihr Fuß zu fassen. Ich zeigte ihr, wo man Wasserkanister bestellte und einkaufte und solche Sachen. Die Rote und ich nahmen sie oft mit zum Mittagessen. Sie war arrogant und hatte zu allem eine Meinung. Kunming war ihr zu schmutzig und nicht schick genug. Sie aß gerne den in Glutamat gebadeten grünen Spargel und frittierte Frühlingsrollen.