DIE VERLORENEN GESICHTER

 

 

Endlich hatte ich eine Kollegin! Endlich hatte ich jemanden, mit dem ich arbeiten und reden konnte! Sie sah aus wie ein roter Papagei, hatte wunderschöne weiße Haut, leuchtendes rotes Haar und große, strahlende blaue Augen. Sie liebte Vögel und das Gärtnern.

Die Rote war schon seit einer Weile in Kunming und hatte zuvor für ein anderes Büro gearbeitet. Das andere Büro war jedoch nicht in der Lage ihr ein Arbeitsvisum zu beschaffen, und da das Weiße Kaninchen ihr eine Arbeitserlaubnis versprochen hatte, war sie zu uns gewechselt. Ich freute mich riesig, in den letzten paar Wochen war ich doch ziemlich einsam und isoliert gewesen.

Die urbane Landschaft um uns herum änderte sich rasend, wo gestern noch belebte Wohnquartiere und Geschäfte waren, lag heute nur noch Schutt. Manchmal tauchten Secondhand-Märkte neben dem frisch geklärten Baufeld auf. „Unsere Baustelle geht in vier Monaten los!“, warnte uns das Weiße Kaninchen. Das war blanker Wahnsinn. In Deutschland würde ein viel größeres Team von Architekten und anderen Experten Monate oder sogar Jahre an einem Projekt dieser Größe arbeiten. Wir waren bloß zwei junge Architektinnen, die hier ins kalte Wasser geworfen wurden. Darüber hinaus war alles, was wir zuvor gelernt hatten, nutzlos. Wenn wir z.B. Fassaden zeichneten, zeichneten wir sie mit einer Zweifachverglasung. Hier wurde eine Einfachverglasung erwartet und somit war das, was wir machten, falsch.

Außerdem hatten wir keine Ahnung vom Budget des Projekts, und keiner konnte oder wollte uns irgendetwas darüber sagen. Zumindest nicht der große Weiße. Da wir noch nicht genug chinesisch sprachen, mussten wir ihm jedes einzelne Wort glauben.

Eines Sonntagmorgens mussten wir arbeiten, um mal wieder einen der mysteriösen Abgabetermine einzuhalten. Ich kam zwanzig Minuten zu spät. Ich war den Abend zuvor aus gewesen, um mit den üblichen Säufern zu trinken, und die Idee an einem Sonntagmorgen zu arbeiten, gefiel mir gar nicht. Um zehn nach neun wurde das Kaninchen nervös und fragte die Rote: „Was ist mit ihr los? Wo bleibt sie?“ „Nun“, antwortete die Rote, ohne aufzusehen, grinste, und schüttelte ihren Kopf in Unverständnis. „Ich hab keinen Schimmer.“

Wir arbeiteten an einer Zeichnung für ein Parkhaus, nach einer Skizze, die das Kaninchen uns gegeben hatte. Die Lokalen hatten uns das Achsmaß für das Stützenraster gesendet, das sich jedoch wöchentlich änderte. Wir konnten eigentlich nur die Knotenpunkte der Achslinien verbinden. Mit jeder Änderung des Achsmaßes mussten wir wieder von vorne beginnen, natürlich immer mit einem Tag bis zur Abgabe. Wir taten unser Bestes und versuchten so viele Autos wie möglich unterzubringen. Als wir fertig waren, hatten wir eine Besprechung mit dem Weißen Kaninchen.

Wir zeigten ihm die Pläne, die wir produziert hatten, und erklärten ihm die verschiedenen Varianten. Es gab Varianten mit geraden Rampen, runden Rampen und Kombinationen aus beiden. Er schaute auf die Pläne hinab, schnaufte und stöhnte wütend. Seine Unterlippe begann zu zittern. Plötzlich schmiss er seinen Stift und die Pläne theatralisch auf den Tisch und stand auf. Mittlerweile zitterten seine Hände und die Unterlippe. Die Adern an seinem Hals schwollen an und waren dem Bersten nahe. Dann rastete er komplett aus und schrie: „ Ihr seid so dumm! Ihr habt wirklich keine Ahnung wie man das macht!“ Wir schluckten schockiert und er fuhr fort: „Ihr seid wirklich schlechte und unprofessionelle Architekten!“

Das stimmte nicht. Da lag er falsch. Die Rote und ich hatten beide zuvor in erfolgreichen Büros im Westen gearbeitet und wertvolle Erfahrungen gesammelt. So angeschrien zu werden ging gar nicht. Die Rote fing fast an zu weinen, legte ihre Hand auf meinen Oberschenkel, während ich versuchte, ruhig zu bleiben. Ich nahm die Pläne und reichte ihm seine eigene Skizze: „Schau mal, Weißes Kaninchen, das ist die Skizze, die du uns gegeben hast.“ Meine Stimme zitterte, doch ich fuhr fort: „und nach den Vorschriften, die uns die Lokalen gegeben haben, ist es nicht möglich, die Fahrbahn und die Parkfelder in ein acht oder siebeneinhalb Meter Achsraster einzupassen. Wir haben verschiedene Varianten ausprobiert und das war die beste Lösung.“ Schnell schnappte er sich seine Skizze und unsere Pläne, seufzte entnervt und rannte, ohne uns anzusehen aus dem Besprechungszimmer. Dann verkroch er sich in seinem gläsernen Büro. Dort blieb er für den Rest des Tages, wo er mit den Beinen zappelnd mit dem Stift nervös auf den Tisch klopfte. Als wir am Ende des Tages das Büro verließen, saß er immer noch dort.

Solange wir keine neuen Anweisungen hatten, hatten die Rote und ich nichts mehr zu tun und verließen das Büro pünktlich. Wir kauften einige Dali-Bier im Laden an der Ecke und gingen zu dem nahegelegenen Platz, wo wir unser Bier tranken. Die Leute tanzten wie immer und manchmal kam jemand zu uns rüber und machte mit dem Handy Fotos von uns. Eltern zerrten ihre schüchternen Kinder zu uns um „Hallo“ zu den „Laowai“ zu sagen.

Am nächsten Tag präsentierte uns das Weiße Kaninchen unsere Pläne als die seinen. Von dem Tag an war alles anders. Das Kaninchen hatte sein Gesicht verloren, oder vielmehr seine Maske und wir hatten einen flüchtigen Eindruck von dem bekommen, was darunter lag.

Wir setzten unsere Arbeit fort und hielten uns so weit wie möglich an die Skizzen und schauten nach anderen Jobs. Das Weiße Kaninchen hasste uns und wir hassten ihn. Wir begannen uns zu fragen, ob er überhaupt Architektur studiert hatte, denn einige seiner Vorschläge lagen einfach zu weit von dem, was wir wussten, entfernt. Der alte Hase würde auch in Zukunft immer wieder ausrasten.

Die Rote musste ihr Lippenpiercing für die Besprechungen mit den Lokalen und mit Kunden herausnehmen. „Es ist unpassend“, sagte das Kaninchen. Nichtsdestotrotz stand sie mit ihren roten Haaren und leuchtenden blauen Augen heraus und war eine große Attraktion. Die lokalen Architekten und auch die Landschaftsarchitekten machten während der Besprechungen immer wieder mit ihren Handys Fotos von uns.

Wir gingen immer öfter trinken, um uns nach der Arbeit zu entspannen und nicht unseren Verstand zu verlieren. Wir waren unglücklich, doch immerhin hatte ich eine Freundin gefunden. Wir hatten Spaß an unseren Kneipenbesuchen, und da die Rote so exotisch aussah, dauerte es nie lange, bis wir reichlich Gesellschaft hatten. Leute boten uns Bier an und übten ihr Englisch: „Happy Birthday! Happy Birthday! Cheeeersssssssö!“