Kapitel 2

Agent Orange ging durch den kalten Regen die Gleise entlang und stapfte durch das bunte Herbstlaub. Dabei kickte er das Laub vor sich her und lauschte dem Regen, der monoton, wie ein Arbeiter, seine Aufgabe verrichtete, die Welt wusch und sie dabei in eine melancholische Herbststimmung versetzte. Agent Orange fühlte sich angenehm entspannt und dachte über seinen Kater nach. Wenn er seinen Tod doch bloß ungeschehen machen könnte! Das Laub der Bäume strahlte in allen Farben und die Bäume ließen ihre Farbenpracht mit einer gewissen Gleichgültigkeit im Regen tanzen. Agent Orange könnte sich das stundenlang ansehen. Der Abend war noch jung, als er die Unterführung an der U-Bahn-Station durchquerte. Als er auf der anderen Seite der Gleise wieder herauskam, war es bereits dunkel. „Das ging schnell“, dachte er sich.

„Waaah!“ Er zuckte zusammen, als ihm plötzlich jemand auf den Rücken schlug. Er drehte sich erschrocken um.

„Ach du bist es! Erschreck mich doch nicht so!“

„Erschrecken? Ich hab dich doch gerufen!“ Agent Orange zuckte mit den Schultern, und der Typ mit der schicken Trekkingjacke und den schmierigen Haaren, den er zuvor bei Angela getroffen hatte, ging nun neben ihm her und machte einen auf Kumpel.

„Gehst du auch in den Spiegel?“, fragte er ihn neugierig.

„Ich arbeite dort“, antwortete Agent Orange kurz und watschelte trotzig weiter durch das nasse Herbstlaub. Die Poesie des Moments, in dem es nur ihn und seine bekifften Gedanken an den kalten Herbstabend gab, war augenblicklich wie eine Seifenblase zerplatzt.

„Ich heiße Alberto“, sagte sein Verfolger. Er war klein und dünn und neben Agent Orange wirkte er wie eine halbe Portion. „Du arbeitest dort? Ich habe dich dort noch nie gesehen!“

„Ich arbeite Mittwoch bis Sonntag dort. Spielst du Poker? Wir spielen abends nach Barschluss mit unserem Trinkgeld und rauchen ein paar.“

„Gerne. Danke für das Angebot!“

Sie passierten ein paar Geschäfte und eine Kirche, bis sie zu einem Getränkemarkt kamen. Dort gingen sie in den Hinterhof, wo sie neben der Garage die Treppen hinunter in den Spiegel gingen.

„Das Schild ist neu“, bemerkte Agent Orange, zog die schwere Metalltür auf und ging hinein.

Die Bar war dunkel, Rockmusik wurde aus Rücksicht auf die Nachbarn nur auf halber Lautstärke gespielt und rauchen konnten sie nur am Hintereingang zum Getränkekeller. Es gab ein paar fast blinde und raumhohe Verzerrspiegel, denen die Bar ihren Namen verdankte.

„Wo warst du denn?“, rief sein Chef hinter der Theke hervor. In der Hand hielt er ein schmuddeliges Geschirrtuch, mit dem er Gläser trocknete. Hinter ihm lief auf einem kleinen Fernseher, der unterhalb der Decke an der Wand montiert war, ein Fußballspiel.

„Mein Kater ist tot“, erwiderte Agent Orange.

„Deswegen warst du seit Wochen nicht mehr hier? Hättest doch mal anrufen können!“ Sein Chef war sauer. Jedoch nicht sauer genug, um ihn zu feuern. Sie kannten sich seit Jahren, hatten gemeinsam die ersten paar Semester studiert, jedoch zu viel gefeiert, und dann irgendwann ihr Hobby zum Beruf gemacht. Allerdings war sein Freund nun sein Chef.

„Seit Wochen?“, wunderte sich Agent Orange. Er hatte keine Ahnung, wovon er redete. Er konnte sich noch genau an die letzte Nacht erinnern, in der sie gemeinsam Whiskey getrunken und Poker gespielt hatten.

„Mann, krieg mal dein Leben auf die Reihe“, grummelte sein Chef kopfschüttelnd und widmete sich wieder den Gläsern und dem Fußballspiel.

Doch dann, wie um ihn zu bestrafen, kommandierte er ihn herum.

„Hol mal zwei Fässer aus dem Keller, ja!“

Agent Orange nickte und trottete davon. Alberto setzte sich an die Theke. Es war noch relativ früh und die Bar war fast leer. Eine Gruppe Chinesen saß an einem der Tische, die an der Wand standen. Auf dem Tisch standen einige ungeöffnete Flaschen Bier und sie spielten laut rufend Würfelspiele.

„Es soll heute Nacht schneien, hab ich gehört“, begann Alberto sein Gespräch mit dem Chef.

„Agent Orange! Es soll heute Nacht schneien, sagt er“, rief der Chef dem laut schnaufenden Agent Orange entgegen, der unter jedem Arm ein Fass Bier trug.

„Schnee? Jetzt schon?“ Eigentlich störten Agent Orange die meist langweiligen Bargespräche nicht, doch heute hatte er keine Lust, sich mit Alberto über das Wetter zu unterhalten. Erstens war gerade sein Kater verstorben und der Verlust schmerzte mehr als Agent Orange es sich selbst zugestand und zweitens war es ihm unangenehm, dass Alberto ihn bei Angela gesehen hatte. Agent Orange war der Meinung, je weniger Leute von seiner Freundschaft mit einer Drogendealerin wussten, desto besser. Nun hatte er einen Mitwisser, von dem er außer den Vornamen gar nichts wusste.

Agent Orange schleppte ächzend und stöhnend die Fässer hinter die Theke und schloss sie an die Zapfmaschine an.

„Machst du mir eine Halbe bitte?“, fragte Alberto und Agent Orange zapfte ihm ein Bier.

„Was machst du so, Alberto?“, fragte er ihn und stellte ihm das Bierglas mit einem Bierdeckel darunter auf die Theke. Der Chef beobachtete die beiden argwöhnisch. Auch ihm waren neue Gesichter unheimlich, und obwohl er in einer Bar arbeitete, fiel es ihm schwer, neue Kontakte zu knüpfen. An Alberto erinnerte er sich nur vage und er hatte ihn als Langweiler abgestempelt.

„Was machst du denn so, Agent Orange?“, fragte er ihn musternd und stellte sich so vor ihn, dass Agent Orange nicht an ihm vorbei konnte.

„Seit Wochen bist du nicht aufgekreuzt. Sogar dein Vater war hier. Er hat nach dir gefragt.“

„Mein Vater?“, Agent Orange war überrascht. „Was wollte denn mein Vater hier?“ Doch der Chef war schon wieder vom Fußballspiel im Fernsehen abgelenkt worden und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.

„Was wollte mein Vater von mir, Chef?“ Diesmal fragte Agent Orange lauter.

„Keine Ahnung. Mit dir trinken wahrscheinlich. Sollst dich melden, hat er gesagt.“

„Wann war das?“

„Er kam vor ein paar Tagen, hat hier mit einem Kerl im Anzug ein paar Flaschen Wein geleert und was von Machu Picchu gelabert. Ah, hier, er hat eine Nummer dagelassen“, sagte er und nahm den Bierdeckel, auf den er die Telefonnummer gekritzelt hatte, und der an die Wand gepinnt war, und reichte ihn Agent Orange.

„Danke, ich ruf ihn in den nächsten Tagen mal an.“ Agent Orange war verwundert. Außer, dass sein Vater ihm nach wie vor die Miete bezahlte, und immer wieder mit Frau Schmidt telefonierte, hatte er seit Monaten nichts von ihm gehört und nun kam er plötzlich in die Bar. Woher wusste er denn, dass er hier arbeitete? Die Frau Schmidt musste ihm das erzählt haben.

Der Chef nahm eine Flasche Whiskey aus einem Pappkarton und studierte das Etikett. „Hm. Möchte jemand den neuen Whiskey probieren? Ist mit Zimtgeschmack. Was für die Studenten.“

„Nee, lass mal. Ich lass lieber eine Weile die Finger vom Schnaps“, entschied Agent Orange und mischte sich sein Lieblingsgetränk, Rotwein und Cola. Er war der Meinung, dass er davon nicht all zu schnell betrunken wurde und wenn man einige Stunden lang mit seiner Kundschaft mittrinken wollte, dann war das von Vorteil.

„Kommt Angie heute nicht?“, fragte Alberto, der immer noch an seinem ersten Bier nippte.

„Angela?“, fragte Agent Orange verwundert. Die kam doch nie hierher!

„Agent Orange ist doch wieder da. Angela hat vorhin angerufen, dass sie heute nicht kommt“, klärte der Chef die beiden auf.

„Seit wann kommt Angela denn her?“, Agent Orange verstand gar nichts mehr. Sie hatte ihm gegenüber nicht erwähnt, dass sie mit Alberto in den Spiegel ging.

Der Chef bemerkte Agent Oranges Verwunderung. Er bot ihm eine Zigarette an, zündete sich selbst eine an und blies den Rauch in den Ventilator, der leise surrend an der Decke hing. Agent Orange sah ihn fragend an, da das Rauchen nicht erlaubt war, nahm die angebotene Zigarette und steckte sie hinter sein linkes Ohr. Der Chef nahm sich einen Schluck von Agent Oranges süßem Getränk und machte ein angewidertes Gesicht.

„Nun, du warst ja nicht hier, und als sie vorbeikam, um dich zu suchen, ist sie für dich eingesprungen“, erklärte er Agent Orange.

„Angela hat meinen Job übernommen?“

„Ja, aber doch nur vorübergehend. Jetzt kann ich sie doch nicht einfach rauswerfen. Wer weiß, wann du mal wieder im Delirium liegst!“

Angela hatte seinen Job geklaut und es mit keinem Wort erwähnt? Agent Orange schluckte. Er war empört!

Er nahm die Zigarette von ihrem Zwischenlager hinter seinem Ohr und zündete sie an. Er verstand nicht, weshalb Angela ihn angelogen hatte.

„Ich verstehe gar nicht, warum sie mir nichts davon erzählt hat“, sagte er zu Alberto. „Wieso lügt sie mich denn an?“

„Hat sie dir nichts gesagt oder dich angelogen?“, erwiderte Alberto und hielt ihm das leere Glas entgegen.

„Das ist doch in dem Fall das Gleiche.“ Agent Orange war sauer. „Da schnappt sie sich meinen Job und hält es nicht für notwendig, es mir mitzuteilen!“ Er schnaubte und grunzte, um sich selbst zu bestätigen, füllte Albertos Bier auf und zeichnete mit einem Kugelschreiber zwei Striche auf seinen Bierdeckel.

Nach und nach kamen weitere Gäste und die Bar füllte sich. Um drei Uhr morgens stellte der Chef die Musik aus und rief:

„Letzte Runde Leute!“

Agent Orange war inzwischen ziemlich betrunken, wankte zwischen den Tischen umher und sammelte die leeren Gläser ein. Alberto saß immer noch alleine an der Bar. Agent Orange fühlte sich von ihm beobachtet. Als er hinter der Theke stehend die letzten Gläser wusch, fragte Alberto ihn:

„Sollen wir noch einen rauchen gehen?“ Agent Orange war misstrauisch. Was wollte der Typ denn bloß von ihm? Die Vorstellung, nach Hause zu gehen und keinen Kater mehr vorzufinden, deprimierte ihn jedoch so sehr, dass er gegen ein wenig Gesellschaft nichts einzuwenden hatte.

„Ja, wieso nicht. Wir können zu mir gehen.“ Nachdem Agent Orange die Gläser gespült und alle Stühle aufgestuhlt hatte, verließen sie gemeinsam die Bar. Als sie nach draußen kamen, wurden sie überrascht. Es schneite! Große, dicke Flocken fielen ihnen weich und nass ins Gesicht. Sobald die dicken kalten Kristalle auf der Straße auftrafen, schmolzen sie.

Wankend und torkelnd brauchten sie eine halbe Stunde, bis sie bei Agent Orange zu Hause ankamen. Immer wieder versuchte Agent Orange mit der herausgestreckten Zunge Schneeflocken zu fangen. Alberto und er lästerten über die Leute in der Bar, und redeten über ihre gemeinsame Bekannte Angela.

„Seit wann kennt ihr euch denn?“, wollte Alberto wissen.

„Seit einer Weile“, anwortete Agent Orange. Alberto war ihm zu neugierig, von sich selbst hatte er bisher trotz Nachfragens gar nichts erzählt.

Auf der Gartenmauer saß eine weiße Katze mit einem schwarzen buschigen Schwanz. Unter der Nase hatte sie eine schwarze Markierung, sodass sie wie Charlie Chaplin aussah.

„Sieht aus wie die Reinkarnation von Adolf Hitler!“, lallte Alberto und verscheuchte das Tier mit einer wehenden Handbewegung.

„Vielleicht eine Freundin von Fluxus“, murmelte Agent Orange, und während sie durch das Gartentor zum Haus gingen, sah er der fremden Katze nach. Umständlich schloss Agent Orange die Türe auf.

„Uuh, wie das stinkt!“ Alberto hielt sich die Nase zu und verzog das Gesicht.

 

„Das kommt von der toten Katze“, erklärte Agent Orange, ging in die Küche und machte das Fenster auf. Kalte Winterluft zog herein und es roch nach Schnee. Sie setzten sich an den Küchentisch, Agent Orange leerte die zum Aschenbecher umfunktionierten Orangenschalen im Mülleimer aus, legte sie wieder auf den Tisch und kramte den kleinen Beutel Gras, den er von Angela bekommen hatte, aus der Hosentasche. Er rollte einen Joint und abwechselnd rauchten sie und sinnierten über die tote Katze und Polanski. Für Alberto steckte hinter allem eine einzige Verschwörung, die sich die Verblödung der Menschheit zum Ziel gesetzt hatte. Er redete über die Monopole der Pharma- und Waffenindustrie und die Ausbeutung der Dritten Welt. Alberto redete plötzlich viel, unterbrach sich selbst jedoch immer wieder, als hätte er den Faden verloren. Dabei sah er Agent Orange erwartungsvoll an. Agent Orange war zu bekifft, um darauf einzugehen. Als es allmählich dämmerte, rollte Alberto einen weiteren Joint für den Weg und ging. Wohin, das wusste Agent Orange nicht. Er sah ihm aus dem Küchenfenster nach, wie er im Schneegestöber verschwand. Dann wankte er ins Schlafzimmer, schmiss die nach toter Katze riechende Bettdecke auf den Boden und holte sich seinen Schlafsack aus dem Kleiderschrank. Die Bettdecke würde er morgen waschen. Morgen würde er auch seinen Vater anrufen und sich um die Miete kümmern. Der Schlafsack war für seinen enormen Bauch etwas zu klein, sodass er ihn offen ließ und sich so gut es ging, einmummelte. Draußen schneite es weiche Flocken und mit verschwommenen Gedanken an Frau Holle fiel Agent Orange in einen tiefen Schlaf.